Letztes Jahr um diese Zeit …

… kannten wir uns als Team noch gar nicht – und erst recht nicht, wie uns unsere Wege zusammenführen werden. In der gemeinsamen virtuellen Arbeit haben wir schnell erkannt, dass wir zusammen gut harmonieren und uns in unseren Kernkompetenzen ergänzen. Deshalb entschieden wir uns schnell für eine gemeinsame Gründung. Ein Blinddate sozusagen, weil wir uns nicht in echt gesehen haben. Hier folgt unsere absurde aber vor allem persönliche Gründungsgeschichte. 

Perspektive Jennifer:

You can see Jennifer standing on a desk in front of a window. She types on her laptop with concentration.

Ich hatte gerade meine Masterthesis des Studiengangs Creative Technologies an der Filmuniversität Babelsberg zum Thema „The Role of Digital Creative Work in the Mourning Process and the Afterlife“ abgegeben. Dabei setzte ich mich mit kreativen Methoden der Trauerbewältigung im digitalen Kontext auseinander. Dazu gehörten auch soziokulturelle Untersuchungen wie die qualitative Befragung mit Proband*innen der Altersklassen zwischen 16 bis 90 sowie ein Expert*inneninterview mit der renommierten Psychologin Prof. Dr. Verena Kast. Meine Erkenntnisse mündeten in der prototypischen Softwareentwicklung einer App, die es Trauernden jeglichen Alters und Vorkenntnissen ermöglicht, durch eine niedrigschwellig zugängliche User Experience ihre Trauer mit dem digitalen Erbe der verstorbenen Person kreativ aufzuarbeiten. Das Ergebnis war ein persönliches Erinnerungsvideo, worin jede Erinnerung durch eine Linienanimation voneinander unabhängig und doch miteinander verbunden dargestellt wurde. Heute mag dieses Thema ganz normal sein, aber zu Beginn meiner Recherchen Anfang 2019 war die Idee höchst umstritten und polarisierte Juries diverser Fördermittelwettbewerbe. Die Meinungen reichten von „gesellschaftlich höchst relevant“ bis zu „ethisch und moralisch nicht vertretbar”. Als ich mich zwei Tage vor meinem Kolloquium die junge und digital affine Bestatterin Lilli kontaktierte, war ich natürlich sehr an einem Austausch und ihrer Einschätzung zu meinem Thesisthema interessiert.

Perspektive Lilli:

You can see Lilli who is sitting on a green couch and smiling at her smartphone.

Nach meiner Tätigkeit als Bestatterin und meinem Bachelor Digitale Medienkultur an der Filmuniversität Babelsberg studierte ich Leadership in digitaler Kommunikation an der Universität der Künste Berlin. In meiner Marktstudie zur Masterthesis „Tod und Digitalisierung – Untersuchung zur digitalen Transformation des deutschen Bestattungswesens“ diagnostizierte ich ein massives, unausgeschöpftes Digitalisierungspotenzial in der Branche. Mit meinen ersten, darauf aufbauenden Gründungsabsichten nahm ich an Kursen und Beratungen des Gründungsservices der Filmuniversität teil und habe dort zum ersten Mal von Jennifers Arbeit erfahren. Ich schrieb ihr daraufhin über Instagram und habe einige Zeit nichts von ihr gehört – Nachrichtenanfragen, ich sag es euch! Dann meldete sie sich bei mir und wir vereinbarten kurzerhand einen Videocall. Wir unterhielten uns zwei Stunden lang ununterbrochen über die Bestattungsbranche und mögliche zukünftige Projekte und Gründungsvorhaben. Und dann meinte ich nur, ob sie sich nicht vorstellen könnte zu gründen. Und genauso wie ich, war sie offen dafür. Mit einem Vorbehalt: Wenn wir gründen wollten, dann müsste auf jeden Fall Markus dabei sein.

Perspektive Markus:

You can see Markus laptop from behind. Above, half of Markus' upper face can be seen. He is grinning.

Ich studiere ebenfalls Creative Technologies an der Filmuniversität Babelsberg und war zu diesem Zeitpunkt noch mit einigen Projektabgaben beschäftigt. Besonders interessierten mich 3D Virtual Spaces. Deshalb war u.a. im Projekt Digitale Bühne – einer Kooperation der Studiengänge Creative Technologies und Schauspiel mit dabei. Für die 3D virtuelle Bühne trug ich zur Konzeption, Entwicklung und Umsetzung einer corona-konformen, hybriden Aufführung dreier Beckett-Theaterstücke essentiell bei. Jennifer und ich haben uns bereits im Bachelor Digitale Medien an der Hochschule Fulda kennen gelernt. Seither arbeiten wir gemeinsamen oder auch im Kollektiv fuchsteufels an audiovisuellen Projekten und Installationen. Aufgrund meiner jahrelangen Erfahrungen als Softwareentwickler und guter Freund war ich auch als Feedbackgeber in ihre Masterthesis involviert. Das spannende an ihrer Thesis war für mich die Verknüpfung von Digitalität und Trauer. Als mir Jennifer von ihrer Bekanntschaft mit Lilli erzählte, war ich sehr an dem Potenzial dieser Dreier-Konstellation interessiert. In gemeinsamen Videocalls konnten uns alle mit der Technologie von 3D Virtual Spaces identifizieren und es war klar, dass ich mit dabei sein wollte.

You can see an over the shoulder shot when Jennifer is illustrating on her laptop.
You can see Lilli's profile while she is recording a story on her smartphone.
You can see an over the shoulder shot when Markus is coding on his laptop.

Es standen zwei Gründer*innenstipendien für uns zur Auswahl: das Berliner Startup Stipendium (BSS) an der Universität der Künste und das EXIST Gründerstipendium an der Filmuniversität Babelsberg. Strategisch gesehen, lag die Deadline für das BSS früher als für EXIST, sodass wir die Chance nicht verstreichen lassen wollten. Gesagt, getan. Dabei möchten wir an dieser Stelle hervorheben, dass wir als Gründer*innenteam aufgrund der Pandemie bislang nur virtuell miteinander arbeiten konnten. Verrückt, oder? Aber es hat geklappt. Während Markus noch in dem Projekt Digitale Bühne für kurze Zeit beschäftigt war, besuchten wir den einwöchigen digitalen Intensivworkshop für die Bewerbung des Berliner Startup Stipendiums. Im Verlauf dieser Woche entstand im Austausch und in der Synergie unserer Perspektiven und Erfahrungen die Gründungsidee für farvel – virtuelle Orte des Abschieds, der Erinnerung und des Austauschs. 

Infolgedessen entwickelten wir gemeinsam die Geschäftsidee und erhielten für unser Konzept und unsere bisherige Entwicklung von farvel das Berliner Startup Stipendium 2021 an der Universität der Künste. Seitdem konzentrierten wir uns auf den Prototypen und holten systematisch Feedback aus der Bestattungsbranche, u.a. das Online Bestattungshaus emmora und der größten deutschen Agentur für Trauerredner*innen WER DU WARST, ein. Zudem vernetzten wir uns früh mit Startups wie z.B. grievy, friedlotse und trauergestalt sowie Trendforscher*innen- und analyst*innen wie z.B. Stefanie Schillmöller und Christoph Bohne, die ebenfalls im Bereich Death Tech arbeiten und forschen. Für die Digitalkonferenz re:publica 21 in Berlin wurden wir mit unserem Prototypen und einem Videobeitrag für das Programm der Main und Off Stage ausgewählt. Wir erzielten damit mediale Aufmerksamkeit bei Radiosendern (WDR, Radio 1), waren zu Gast bei Podcasts (Spotify Original: Man lernt nie aus, Social Cosmos sowie Tod und Tee) und wurden aufgrund unseres Innovationscharakters publiziert (Magazin Bundesverband Bestattungsbedarf e.V.). 

In nur einem halben Jahr haben wir uns organisiert, den Prototypen weiterentwickelt und alle weiteren Schritte erfasst, um in den Markt einzutreten. Aber wie so oft fehlen für manche Schritte die finanziellen Mittel. Denn das Berliner Startup Stipendium organisiert zwar sehr wertvolle Coachings, stellt allerdings keine Sachmittel bereit. Aufgrund dieser finanziellen Barrieren entschieden wir uns sehr kurzfristig für eine Bewerbung bei EXIST bis Ende Juni 2021. Wir haben ohne Unterbrechung durchgearbeitet, fast alle bisherigen Konzeptpapiere verdichtet, und unseren Finanzierungsplan komplett überarbeitet. Herausgekommen ist eine Bewerbung, die überzeugt hat. Nach wochenlangen Bangen um die Zukunft von farvel, wurden wir mit einer Zusage erleichtert.

Jennifer, Lilli and Markus are sitting and kneeling on a green couch. They are laughing for excitement and happiness and throwing flowers into the air.

Deshalb freuen wir uns nun wahnsinnig, gemeinsam mit dem EXIST Gründungsstipendium an der Filmuniversität Babelsberg auf ein breites Netzwerk zurückzugreifen und uns auf die nächsten essentiellen Entwicklungsschritte zu konzentrieren.

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